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Salvador Linares Barrera
Von Jerez nach Gusen

Letztes Jahr stieß mein Onkel auf einen älteren Artikel im Diario de Jerez. Er war bereits 2019 erschienen und erzählte von fünf Männern aus Jerez, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg ins Exil gingen und später in nationalsozialistische Konzentrationslager deportiert wurden. Einer der Namen kam ihm bekannt vor: Salvador Linares Barrera. Er war Teil meiner Familie.

Damit führte eine Familiengeschichte, über die jahrzehntelang kaum gesprochen worden war, plötzlich von der Sierra de Cádiz über Jerez und das französische Exil bis nach Mauthausen und Gusen.

Salvador wurde 1917 geboren und kam aus der Gegend um El Tempul in der Sierra de Cádiz. Später lebte er bei seinem älteren Bruder in der Calle Molineros im Barrio de San Miguel in Jerez. 1939 ging er nach Frankreich ins Exil. Dort gehörte er zu den vielen spanischen Republikanern, die in den Compagnies de Travailleurs Étrangers für die französische Armee arbeiteten. Nach dem deutschen Einmarsch wurde er in der Loire Region gefangen genommen und zunächst in das Kriegsgefangenenlager Fallingbostel gebracht.

Im November 1940 wurde Salvador nach Mauthausen deportiert, im Februar 1941 nach Gusen. Am 30. November 1941 wurde Salvador Linares Barrera dort ermordet. Er war 24 Jahre alt.

In den Lagerunterlagen wurde Tuberkulose als Todesursache vermerkt. Spätere Recherchen halten Typhus für wahrscheinlicher. Entscheidend ist aber etwas anderes: Krankheit, Hunger, Zwangsarbeit und die katastrophalen Lebensbedingungen waren Teil des nationalsozialistischen Lagersystems. Auf dem Stolperstein, der heute in Jerez an Salvador erinnert, steht deshalb nicht einfach, dass er dort starb. Dort steht: „Asesinado 30.11.1941. Gusen.“

Fünf Männer aus Jerez

Was mich an Salvadors Geschichte seitdem beschäftigt, ist auch, dass er kein Einzelfall war. Der Artikel, durch den mein Onkel überhaupt auf seinen Namen stieß, erzählt von Diego Pérez Núñez, Rafael Domínguez Redondo, Manuel Carrasco Cortijo, Salvador Linares Barrera und Antonio de la Rosa Tozo. Fünf Männer aus Jerez, deren Biografien unterschiedlich verliefen, deren Wege aber nach dem Sieg Francos nach Frankreich und später in das nationalsozialistische Lagersystem führten.

Diego Pérez Núñez wurde 1919 geboren und lebte in der Calle Lecheras im Barrio de San Miguel. Er gehörte zu den Juventudes Libertarias der CNT und war am Aufbau des Ateneo Libertario in Jerez beteiligt. Nach Beginn des Bürgerkriegs verließ er die Stadt. Im August 1940 wurde er nach Mauthausen deportiert und später nach Gusen gebracht. Im Dezember 1941 transportierten ihn die Nationalsozialisten nach Hartheim. Dort wurde er in der Gaskammer ermordet. Er war 22 Jahre alt.

Rafael Domínguez Redondo lebte nur wenige Straßen entfernt in der Calle Zarza. Auch er gehörte den Juventudes Libertarias der CNT an. Er kämpfte im Bürgerkrieg, wurde während der Schlacht am Ebro verwundet und schließlich nach Frankreich evakuiert. Dort kam er zunächst in das Internierungslager Barcarès und später in eine Compagnie de Travailleurs Étrangers, die an der Maginot Linie eingesetzt wurde. Nach dem deutschen Einmarsch wurde er gefangen genommen. Über Fallingbostel gelangte er nach Mauthausen und anschließend nach Gusen, wo er 1942 ermordet wurde.

Manuel Carrasco Cortijo wurde 1915 in den Llanos del Malabrigo zwischen La Barca de la Florida und San José del Valle geboren und lebte später in der Calle Cerrofuerte. Eine Mitgliedschaft in einer Partei oder Gewerkschaft ist bei ihm nicht belegt. Während des Bürgerkriegs war er Sergeant in der republikanischen 140. Brigada Mixta. Nach seiner Flucht nach Frankreich wurde er zunächst interniert und später gemeinsam mit Rafael Domínguez von den Deutschen gefangen genommen. Anfang 1941 kamen beide nach Mauthausen und wenige Monate später nach Gusen. Manuel Carrasco wurde dort am 27. November 1941 ermordet, drei Tage vor Salvador.

Antonio de la Rosa Tozo war deutlich älter als die anderen. Er wurde 1878 geboren. Über seine politische Tätigkeit in Spanien ist wenig bekannt. 1943 wurde er im südfranzösischen Lager Le Vernet festgehalten. Zu dieser Zeit waren dort unter anderem Menschen inhaftiert, die wegen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Résistance verfolgt wurden. Im Sommer 1944 wurde er mit dem sogenannten Geisterzug nach Dachau deportiert. Am 28. Dezember 1944 wurde auch er Opfer des nationalsozialistischen Lagersystems und in Dachau ermordet.

Bei Salvador selbst ist keine konkrete Parteimitgliedschaft überliefert. Belegt ist, dass er zum republikanischen Exil gehörte. Bei Diego Pérez Núñez und Rafael Domínguez Redondo ist die Zugehörigkeit zu den libertären Jugendorganisationen der CNT dagegen dokumentiert, Manuel Carrasco kämpfte als Sergeant auf republikanischer Seite.

Heute erinnern in Jerez fünf Stolpersteine an diese Männer. Alle liegen im Barrio de San Miguel. Salvadors Stein befindet sich in der Calle Molineros 5, vor dem Ort, an dem er einmal gelebt hatte.

Was in einer Familie nebeneinander existieren kann

Für mich wird diese Geschichte durch einen anderen Teil meiner Familiengeschichte noch widersprüchlicher. Während Salvador als republikanischer Exilant seine Heimat verlor und schließlich in Gusen ermordet wurde, gab es in derselben Familie Menschen, die unter Franco nicht verfolgt wurden, sondern von seinem Regime profitierten.

Das passt schlecht zu der Vorstellung, Familien würden geschlossen auf einer Seite der Geschichte stehen. Bürgerkrieg und Diktatur verliefen mitten durch Familien hindurch. Manche Menschen wurden verfolgt, andere passten sich an, andere profitierten. Vieles wurde später erzählt, anderes verschwiegen oder irgendwann nur noch in einzelnen Namen erinnert.

Auch bei Salvador ist vieles verloren gegangen. 2026 veröffentlichte Memoria Histórica Jerez die Erinnerungen seiner Nichte Josefa „Pepa“ Villarte Linares, die 1951 in El Tempul bei Algar geboren wurde. Ihre Familie wusste lange kaum mehr, als dass Salvador eines Tages gegangen war und keine Nachrichten mehr kamen. Seine Schwester hoffte noch darauf, dass er irgendwann zurückkehren würde. Erst viel später ließ sich rekonstruieren, dass sein Weg über Frankreich, Fallingbostel und Mauthausen nach Gusen geführt hatte.

Mich macht daran nicht nur die Brutalität seiner Ermordung wütend. Es ist auch der Gedanke, dass ein junger Mann seine Heimat in einer Diktatur verlassen musste, während andere Teile derselben Familie von genau diesen politischen Verhältnissen profitierten. Für Salvador endete dieser Weg mit 24 Jahren in einem Konzentrationslager.

Warum ich darüber heute schreibe

Seit ich von Salvador erfahren habe, denke ich auch anders über die politische Gegenwart nach. In Europa werden rechte und autoritäre Bewegungen wieder stärker. Rassistische Vorstellungen, Angriffe auf Minderheiten und politische Konzepte, die Menschen in erwünschte und unerwünschte Gruppen einteilen, werden wieder selbstverständlicher diskutiert. Positionen, die vor einigen Jahren noch deutlich weiter am Rand standen, sind in Parlamenten, Wahlkämpfen und öffentlichen Debatten angekommen.

Ich halte wenig davon, unsere Gegenwart einfach mit den dreißiger Jahren gleichzusetzen. Die historischen Bedingungen sind andere, und gerade bei Faschismus und Nationalsozialismus werden solche Vergleiche schnell ungenau. Aber daraus folgt für mich nicht, dass politische Verschiebungen erst dann ernst genommen werden müssen, wenn sie bereits in Diktatur und Gewalt geendet haben.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Salvadors Geschichte für mich von Familiengeschichte zu einer Frage an die Gegenwart wurde. Wie verhält man sich, wenn sich gesellschaftliche Grenzen verschieben, wenn Menschenfeindlichkeit wieder normaler ausgesprochen wird und wenn man selbst mitten in dieser Entwicklung lebt?

Ich kann nicht wissen, wie ich in den dreißiger Jahren gehandelt hätte, und ich finde solche rückblickenden Selbstgewissheiten meistens ziemlich billig. Ich kann nur entscheiden, wie ich mich in meiner eigenen Zeit verhalte. Und ich möchte später nicht auf diese Jahre zurückblicken und mich fragen, warum ich Entwicklungen gesehen habe, die mich beunruhigt und wütend gemacht haben, und trotzdem der Meinung war, sie gingen mich nichts an.

Deshalb schreibe ich über Salvador nicht nur, weil ich möchte, dass sein Name und die Namen der anderen vier Männer aus Jerez erinnert werden. Die Geschichte hat für mich auch damit zu tun, was man aus Erinnerung macht, solange die eigene Gegenwart noch nicht Geschichte ist.

Quellen und weiterführende Links

Die biografischen Angaben beruhen vor allem auf den Recherchen von Diario de Jerez zu den fünf deportierten Jerezanos sowie auf dem Beitrag von Memoria Histórica Jerez über Salvador Linares Barrera und die Erinnerungen seiner Nichte Pepa Villarte Linares. Weitere Daten finden sich im Banc de la Memòria Democràtica sowie in der Übersicht der Stolpersteine in der Provinz Cádiz.

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