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Über die Hierarchie der Herkunft
Vom Amigo zum Verdachtsfall

Ich bin Deutscher. Ich weiß, wahnsinnig spannend. Ich denke auf Deutsch, arbeite in deutschen Strukturen, streite über deutsche Politik, zahle hier Steuern. Dritte Generation. Trotzdem reicht ein Nachname, und es geht los. Nicht böse, nicht offen, eher dieses freundlich klebrige Einordnen. Deutsch, aber mit Zusatz. Deutsch, aber mit Rückfrage.

Das Perfide ist, dass es oft nett klingt. Bei Italien und Spanien wird sofort der Urlaubsordner aufgemacht. „Rotwein, Sonne, Temperament.“ Es ist dieses konsumierbare Anderssein. Wie ein Accessoire, das man kurz anfasst und dann wieder zurücklegt. Ja, auch das ist Rassismus. Nur eben einer, der sich wie ein Kompliment anfühlt, wenn man nicht so genau hinhört.

Ich merke das ständig, vor allem da, wo man es sich nicht verscherzen will. Behörde, Versicherung, Arztpraxis. Du willst einfach nur, dass dein Kram durchgeht. Dann kommt der Schwaben-Smalltalk über deinen Namen. „Ha, des klingt glei nach Urlaub.“ „Kenned Sie au dr Gian Franco aus Eislingen? Isch ja son Nedder.“ Ich lächle dann oft, nicke, mache es leicht. Nicht, weil es okay ist, sondern weil ich in dem Moment keine Lust habe, neben dem Formular auch noch mein Deutschsein zu verteidigen.

Der nächste Klassiker kommt zuverlässig alle zwei Jahre, sobald irgendwo ein Ball rollt. „Team Italien oder Team Spanien?“ Deutschland ist keine Option. Das ist das Seltsame. Es ist nicht die Fußballfrage an sich. Es ist dieses kleine beiläufige Signal: Du bist für mich nicht einfach normal deutsch, du musst dich entscheiden, wo du hingehörst.

Jetzt könnte man sagen: nervig, aber nicht so schlimm. Genau da beginnt die Hierarchie. Denn nicht alle werden gleich anders gemacht. Deutschland verteilt Rollen.

Die Rolle als „Amigo“ oder als Problem

Bei mir ist das oft die weichgespülte Version. Der nette Andere. Der mit Pasta-Vibes. Der „Amigo“, wenn man so will. Bei denen, die hier sofort in die Schublade ‚muslimisch, arabisch, türkisch‘ gesteckt werden, kippt das viel schneller. Da ist das Anderssein nicht Folklore, sondern Problem. Nicht charmant, sondern verdächtig. Das merkst du nicht erst, wenn irgendwer offen ausrastet. Du merkst es an der Luft im Raum.

Das zieht sich bis in den Alltag im Büro, wo angeblich alle aufgeklärt sind und ‚Diversity‘ auf Folien steht. Ich habe erlebt, wie bei der Schichtplanung zwischen den Jahren über eine türkische Kollegin sinngemäß gesagt wurde: „Die kann das doch machen, die ist Muslimin, die feiert kein Weihnachten.“ Schon in diesem Satz steckt die erste Anmaßung: Meiner Kollegin kam nicht einmal in den Sinn, dass man auch als Muslim einfach freie Tage genießen kann. Sie tat so, als würden wir anderen Weihnachten alle fromm, christlich und in tiefer religiöser Ernsthaftigkeit begehen. Ich bin Atheist. Ich mache an Feiertagen natürlich auch nichts Christliches. Ich genieße einfach, dass frei ist.

Der Satz war also nicht nur arrogant, sondern auch entlarvend. Er verrät, wie selbstverständlich christliche Prägung hier als Normalfall gilt, selbst dann, wenn die Leute, die davon profitieren, längst gar nicht religiös leben. Gleichzeitig gibt es in Deutschland keine bundesweiten gesetzlichen muslimischen Feiertage. Genau das macht die Aussage noch frecher. Meine Kollegin hat ja gar keine echte Wahl. Für alle anderen gibt es automatisch freie Tage, bei ihr wird so getan, als hätte sie sowieso keinen Anlass, sie haben zu wollen.

Ich habe auch erlebt, wie in einem Meeting eine Vorgesetzte zu einer muslimischen Kollegin sagte: „Hör mal auf mit deiner muslimischen Attitüde.“ Einfach so. Vor allen. Später wurde sie gekündigt. Super. Der Prozess hat funktioniert. Aber in dem Moment sagte niemand etwas. Das ist noch immer die Realität. Nicht jeder klatscht bei Diskriminierung. Viel zu viele lassen sie einfach passieren.

Kollektivhaftung und asymmetrische Toleranz

Dazu kommt noch etwas, das in Deutschland besonders tief sitzt: die Vorstellung, dass man zwar Unterschiede zwischen Nationen feststellt, zwischen Islam und Christentum aber gleich eine grundsätzliche Unvereinbarkeit verhandelt. Bei Italienern und Spaniern geht es um Temperament. Bei Muslimen plötzlich um „Werte“, „Integration“, „unsere Kultur“, „unsere Gesellschaft“. Als sei das keine Zuschreibung mehr, sondern schon fast eine Zivilisationsfrage.

Natürlich gibt es religiösen Fundamentalismus. Den gibt es. Aber bei Muslimen wird oft viel schneller von Einzelfällen auf eine ganze Gruppe geschlossen. Viel schneller wird gefragt, ob „der Islam“ überhaupt mit Deutschland vereinbar sei. Viel schneller wird aus einem Verbrechen, einer Radikalisierung oder einem Skandal eine Kollektivfrage gemacht. Genau diese Härte wendet man bei Christen, vor allem bei Katholiken, sehr viel seltener an.

Wir sagen ja auch nicht nach jedem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche oder nach jeder christlich fundamentalistischen Entgleisung, Katholiken seien womöglich grundsätzlich nicht kompatibel mit der deutschen Gesellschaft. Niemand fordert, Katholiken wegen solcher Vorfälle kulturell auszuweisen. Niemand sagt, das Christentum passe vielleicht einfach nicht zu einem modernen Rechtsstaat. Bei Muslimen ist genau diese Verallgemeinerung aber erschreckend schnell da. Das zeigt, wie tief die Unterscheidung sitzt. Die einen haben ein Problem in ihrer Gruppe. Die anderen werden selbst zum Problem erklärt.

Die brutale Grenze: Anti-Schwarzer Rassismus

Damit hört die Hierarchie aber nicht auf. Es gibt in Deutschland noch eine andere, besonders brutale Linie: anti-Schwarzen Rassismus. Da geht es nicht mehr nur um die Frage, ob jemand charmant exotisch oder kulturell verdächtig ist. Da geht es darum, dass Zugehörigkeit selbst nach Generationen nicht selbstverständlich werden darf.

Angela Merkel hat das einmal erstaunlich klar gesagt: „Mein Urgroßvater war Pole, ich bin vierte Generation, mich fragt natürlich keiner, ob ich noch zu integrieren sei.“ Dann kam ihr eigentlicher Punkt: Bei Schwarzen Menschen ist selbst in späteren Generationen die erste Frage oft immer noch: „Wo kommst du eigentlich her?“ Sie erzählte von einem Schwarzen Schauspieler, der sagte, er wolle nicht immer nur Kriminelle spielen, sondern auch mal einen Bürgermeister. Merkel nannte das einen berechtigten Wunsch.

Das trifft den Punkt mit dem angeblichen Interesse ziemlich genau. Wenn es wirklich nur Interesse wäre, müsste man es bei allen haben. Dann müsste man weiße Deutsche dauernd nach dem Urgroßvater fragen. Passiert aber nicht. Gefragt werden die, die anders aussehen. Nicht, weil man so wahnsinnig neugierig ist, sondern weil man bestimmte Körper nicht einfach in Ruhe deutsch sein lassen will.

Diese Hierarchie bleibt nicht beim Smalltalk. Sie hat Konsequenzen, bis in Fragen von Gewalt und Staat.

Oury Jalloh starb 2005 in einer Polizeizelle in Dessau, gefesselt, in einem Brand. Die offizielle Version lautete lange, er habe das Feuer selbst gelegt. Der Fall ist bis heute umstritten, und über Jahre wurde um Aufklärung gerungen. Er ist nicht der einzige Name. Laye-Alama Condé. Achidi John. Mouhamed Dramé. Schon diese Namen zeigen, dass es hier nicht um einen einzelnen Ausrutscher geht, sondern um ein Muster, das Deutschland nur sehr ungern als Muster benennt.

Expats, Migranten und die Klassengesellschaft der Worte

Das ist der Punkt, den man nicht wegdiskutieren kann: Deutschland macht nicht alle auf dieselbe Weise zu Anderen. Es verteilt Rollen. Der Südeuropäer wird eher ästhetisiert. Der arabisch oder türkisch gelesene Mensch wird problematisiert. Der Schwarze Mensch wird markiert, stereotypisiert und oft auch in Situationen gebracht, in denen das System besonders hart und besonders kalt wird.

Parallel dazu läuft noch ein anderer sprachlicher Trick. Während hier Menschen als „Gastarbeiter“, „Migranten“ oder gleich als „Wirtschaftsflüchtlinge“ gerahmt werden, nennt man weiße Europäer im Ausland gern „Expats“. Der Deutsche in Barcelona ist dann plötzlich nicht Migrant, sondern international. Der Brite in Singapur ist „Expat“, der Senegalese in Deutschland ist „Migrant“. Das ist kein Zufall, sondern Klassen- und Rassenpolitik in einem Wort.

Die Ausrede lautet ja meist ungefähr so: Italiener und Spanier hätten sich ihren Platz „verdient“, sie seien als Gastarbeiter gekommen, hätten gearbeitet, aufgebaut, sich angepasst und seien eben schon lange da. Türkische, arabische oder andere Gruppen werden dann implizit als die späteren, schwierigeren, weniger verdienten Anderen aufgebaut. So werden Gruppen gegeneinander ausgespielt. Und diese Logik bleibt nicht folgenlos. Sie kann sogar dazu beitragen, dass manche Menschen mit eigener Migrationsgeschichte versuchen, sich über andere Gruppen aufzuwerten oder sich politisch nach rechts orientieren. Zugleich ist das nicht pauschal „die Gastarbeitergeneration“, sondern je nach Herkunft, Milieu und sozialer Lage sehr unterschiedlich; neuere Studien zeigen nur, dass es auch unter Menschen mit Migrationshintergrund Zuspruch für die AfD gibt, wenn auch nicht gleichmäßig verteilt.

Die Bürde der Zugehörigkeit

In meiner eigenen Familie sieht man übrigens, wie zerstörerisch diese Ambivalenz ist. Viele sagen irgendwann einfach: „Ja, ich bin Italiener.“ Oder: „Ich bin Spanier.“ Nicht unbedingt, weil das die ganze Wahrheit ihrer Biografie wäre, sondern weil es einfacher ist. Weil man nicht schwierig gelten will. Weil man keine Lust hat, jedes Mal das ganze Gespräch zu führen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich kann es nur für mich nicht ehrlich behaupten. Ja, ich kann die Sprachen, aber lesen und schreiben habe ich mir erst später selbst beigebracht. Bei Brüdern und Cousins ist das teilweise anders. Ein Teil dieses Mitspielens kommt auch aus Frust: sich um Staatsbürgerschaft bewerben zu müssen, obwohl man hier geboren und aufgewachsen ist. Als wäre Zugehörigkeit etwas, das man beantragt.

Manchmal ist die Ironie wirklich bitter. Ich komme aus Italien, Deutschland, Spanien. Aus drei europäischen Ländern also, die den Faschismus auf ihre Weise geprägt haben, erfunden, eskaliert oder bis in die siebziger Jahre mitgeschleppt. Trotzdem wird Südeuropa heute oft als charmante Abweichung weichgezeichnet. „Rotwein, Sonne, Temperament.“ Während andere Herkunft in Deutschland sofort als Problemzone gilt. Vielleicht ist genau das der Kern: Manche Andersheit bleibt innerhalb des Vertrauten, weil sie weiß und europäisch ist. Andere nicht.

Das ist die Hierarchie der Herkunft. Nicht einfach mehr oder weniger Rassismus, sondern unterschiedliche Sorten davon, mit unterschiedlichen Folgen.

Deshalb reicht es nicht, nett zu sein und Interesse zu behaupten. Es reicht auch nicht, „Diversity“ zu drucken. Die eigentliche Frage ist, wem man erlaubt, einfach deutsch zu sein. Ohne Beipack. Ohne Prüfung. Ohne Verdacht. Und wem nicht.

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