Rosalía, wo soll man da anfangen? Bei der Musikerin, die alles selbst mitproduziert? Bei der Ausbildung, die aus einer sehr guten Sängerin eine Künstlerin gemacht hat, die genau weiß, was sie da tut? Bei dem Mut, mit MOTOMAMI 2022 alles noch einmal auseinanderzureißen und neu zusammenzusetzen? Oder bei LUX von 2025, diesem Orchesterprojekt mit dem London Symphony Orchestra? Man könnte überall anfangen. Aber der richtige Einstieg ist El Mal Querer. Das Album, das aus ihrem Abschlussprojekt hervorging, lose auf der okzitanischen Flamenca basiert und seit 2018 wie ein eigener Maßstab im Raum steht.
Kontext, Aneignung und die Vorgeschichte
Mein eigener Bezug zu Flamenco ist stark durch den spanischen Teil meiner Familie geprägt, der aus Jerez stammt und in dem Flamenco und Camarón von klein auf zum selbstverständlichen Hintergrund gehören. Bei Rosalía war das anders. Umso bemerkenswerter ist, wie tief sie sich diese Musik erarbeitet hat. El Mal Querer zeigt sehr deutlich, dass man nicht aus Andalusien stammen muss, um Flamenco nicht nur zu zitieren, sondern wirklich zu verstehen. Gerade darin liegt auch eine Antwort auf jene, die ihr vorschnell kulturelle Aneignung vorwerfen.
Gerade deshalb ist Los Ángeles als Vorgeschichte so wichtig. Das Debüt mit Raül Refree wird oft bloß als Vorstufe behandelt, dabei ist es eigentlich die Voraussetzung dafür, dass El Mal Querer später so frei sein darf. Los Ángeles ist asketisch, reduziert, fast demonstrativ pur. Stimme, Gitarre, Disziplin. Erst zeigt Rosalía, dass sie das Material auch ohne große Produktionsarchitektur tragen kann. El Mal Querer wirkt deshalb nicht wie ein kalkulierter Sprung ins Anspruchsvolle, sondern wie der logische nächste Schritt.
Und genau hier kommt dann auch Camarón ins Spiel. Der sinnvollste historische Vergleich ist für mich nicht irgendein beliebiges Konzeptalbum, sondern La leyenda del tiempo von 1979. Nicht, weil Rosalía wie Camarón klingen würde. Sondern weil beide an einem ähnlichen Punkt ansetzen. Sie nehmen eine Musik, die von außen gern so behandelt wird, als müsse man sie unter Glas stellen. La leyenda del tiempo löste damals einen Schock aus, der in seiner Wirkung fast eher an Bob Dylans elektrifizierten Newport Moment erinnert als an einen normalen Stilwechsel. Bei Dylan war es Newport 1965, bei Camarón eben dieses Album. In beiden Fällen reagierte ein Teil des Publikums so, als sei hier nicht bloß etwas Neues passiert, sondern ein Verrat.
Man sollte Rosalía dabei aber nicht zu glatt erzählen. Die Debatte um kulturelle Aneignung gehört in jede ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr hinein. Ihr wurde vorgeworfen, als Katalanin mit einer Kunstform, einer Symbolik und einer Bildsprache zu arbeiten, die eng mit Andalusien und speziell auch mit Gitano Traditionen verbunden sind. Das ist keine Nebensache und kein Twitterrauschen, das man höflich wegmoderiert. Man kann dieses Album großartig finden und trotzdem anerkennen, dass es in einer echten Spannung steht.
Elf Kapitel, eine musikalische Architektur
Was El Mal Querer dann aber von Anfang an von bloß gut gemeinter Konzeptkunst unterscheidet, ist seine innere Geschlossenheit. Elf Songs, elf Kapitel: Augurio, Boda, Celos, Disputa, Lamento, Clausura, Liturgia, Éxtasis, Concepción, Cordura, Poder.
Was die musikalischen Details angeht, stütze ich mich an mehreren Stellen auf Jaime Altozanos Analyse, weil dort etwas sichtbar wird, das in vielen Texten über El Mal Querer fast immer zu kurz kommt: die Musik selbst.
Malamente (Kapitel 1: Augurio): Der Beat klingt, als sei er aus Holz geboren worden, als würde ihn jemand auf einer Tischkante oder einem Cajón anklopfen, nur dass er hier ein Trap Gewand anzieht. Schon das ist stark. Noch besser wird es im Refrain. Da gibt es diesen einen tiefen Effektton auf F, der unter dem C Moll Loop die ganze Harmonie kippen lässt. Aus etwas potenziell Starrem wird plötzlich etwas Schwebendes, fast leicht Bluesiges. Der Song bleibt dadurch nicht bloß hängen, er atmet. Dazu kommt Rosalías Melodik mit ihren kleinen Reibungen. Malamente ist deshalb nicht nur ein Hit, sondern eine Warnung. Der Titel des Kapitels ist Programm. Der Song ahnt von Anfang an, dass hier etwas falsch laufen wird.
Que no salga la luna (Kapitel 2: Boda): ist dann noch beklemmender. Das Stück ist tief in einer bulería Nahwelt verankert, aber modern produziert. Gitarre und Palmas laufen zu Beginn durch einen Low Pass, als würden sie in einem anderen Zimmer spielen, während Rosalías Stimme ganz nah vorne bleibt. Dazu kreisen im Kern nur zwei Akkorde umeinander, und Jaime hört darin zu Recht etwas von Chopins Trauermarsch. Nicht als harte Referenz, eher als sehr präzise Hörassoziation.
Pienso en tu mirá (Kapitel 3: Celos): ist für mich einer der größten Momente des Albums. Ich finde es bis heute absurd, dass sich dieser Beat nie schief anfühlt, obwohl da am Ende dieses abhackte Chorus drinsteckt und später trotzdem jeder im Stadion mitsingen kann, ohne mitzuzählen. Genau darin liegt seine Größe. Unter dem Song liegt ein Flamenco Compás mit seiner Zwölferstruktur, und dann wird der Refrain immer wieder beschnitten. Jaime nennt das einen Bonsai Refrain, und treffender kann man es kaum sagen. Dazu kommen Cajón, elektrische Orgel, Kinderchor und dieses verbreiterte Stimmenbett unter Rosalías Leadstimme.
De aquí no sales (Kapitel 4: Disputa): macht dann klar, dass dieses Album keinerlei Interesse daran hat, hübsch zu bleiben. Motorräder, Motoren, Bremsen, Sirenen, verzogene Stimmen, Auto Tune nicht als Glätte, sondern als Beschädigung. Die Gewalt wird hier nicht beschrieben und auch nicht ästhetisch vernebelt, sondern in Klang übersetzt. Das ist überhaupt eine der größten Stärken von El Mal Querer. Die Produktion illustriert nicht bloß, sie handelt. Sie kommentiert die Eskalation nicht von außen, sie wird selbst Teil davon.
Reniego (Kapitel 5: Lamento): zieht danach spürbar Luft raus. Gerade deshalb funktioniert der Song so gut. Nach der Eskalation kommt keine plumpe Ruhe, sondern ein inneres Nachbeben. Und dann plötzlich Orchester. Aufgenommen, mit dem Bratislava Symphony Orchestra. Gerade das macht Reniego so stark. Ein Album, das bis dahin mit Reduktion, Körperrhythmus und gezielter Leere arbeitet, erlaubt sich hier auf einmal symphonischen Raum, ohne seine Logik zu verlieren.
Preso (Kapitel 6: Clausura): ist einer der Tracks, bei denen das Album plötzlich kurz stillsteht. Rossy de Palma, die spanische Schauspielerin, die viele vor allem aus den Filmen von Pedro Almodóvar kennen, spricht hier einen Text über Schmerz, Kinder und eine Beziehung, die einen so beschädigt, dass sie sich nicht einfach aus dem Leben löschen lässt. Kein Gesang, keine Ausweichbewegung, nur diese Stimme und dieser Text.
Bagdad (Kapitel 7: Liturgia): basiert auf Cry Me a River von Justin Timberlake. Dass Timberlake in den Credits steht, wirkt hier fast wie eine höfliche Geste seitens Rosalía, denn viel länger bleibt der Song nicht im Zustand des Wiedererkennbaren. Ja, am Anfang ist die Melodie noch eins zu eins da. Aber Rosalía und El Guincho benutzen sie nicht als nostalgischen Aha Moment, sondern wie Rohmaterial. Sie drehen ihr Gewicht, ihre Atmosphäre, ihren ganzen Charakter. Aus etwas, das jeder kennt, wird in kürzester Zeit etwas, das nur noch zu diesem Album gehört.
Di mi nombre (Kapitel 8: Éxtasis): bringt dann plötzlich Bewegung, Körper und Lust. Unter der Oberfläche arbeitet die andalusische Kadenz. Nach all der Enge vorher wirkt das nicht wie einfache Befreiung, sondern wie ein anderer Zustand innerhalb derselben Geschichte.
Nana (Kapitel 9: Concepción): funktioniert fast nur über Stimme. Rosalía benutzt den Vocoder hier nicht als Effekt zum Vorzeigen, sondern um aus einer Stimme mehrere zu machen. Dadurch entsteht etwas zwischen Schlaflied und künstlichem Chor. Mich erinnert das auch stark an die Vocoder-Sachen von Jacob Collier, nur viel reduzierter, dunkler und ohne jede spielerische Überfülle. Der Track ist fast leer und klingt trotzdem nie klein.
Maldición (Kapitel 10: Cordura): ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingsmomente auf dem ganzen Album. Der Song beginnt mit einem Arpeggio, das sich jeder sauberen Zuordnung entzieht. Erinnert etwas an Bach, schwebend, fast als würde der Song für einen Moment den tonalen Boden wegziehen.
A ningún hombre (Kapitel 11: Poder): Der Song ist nicht bloß ein starkes Ende, sondern die ganze Pointe des Albums. Nach all dem Blickregime, nach der Kontrolle, nach der Einschließung, nach dem psychischen Abrieb kommt kein kitschiger Triumph, keine platte Empowerment Parole, sondern: Eine Stimme, die nicht behauptet, unversehrt geblieben zu sein, sondern sich gerade aus der Erinnerung an das Erlittene wieder aufrichtet. Kein falsches Happy End also, sondern eine Form von Kraft, die den Schmerz nicht ausradiert, sondern überlebt.
Ein eigener Maßstab
Und deshalb bleibt El Mal Querer für mich auch das Referenzwerk. Nicht weil MOTOMAMI schwächer wäre oder LUX weniger kühn. Sondern weil hier zum ersten Mal alles vollkommen ineinandergreift: Los Ángeles als notwendige Vorgeschichte, Camarón als historischer Schatten, El Guincho als idealer Gegenpart in der Produktion, die Flamenca Struktur als Erzählgerüst, die Popintelligenz, die Rhythmik, die Reibung, die ganze Präzision. Oder einfacher gesagt: Es gibt Alben, die beeindrucken einen. Und es gibt Alben, die ihren eigenen Maßstab gleich mitbringen. El Mal Querer gehört in die zweite Kategorie.
Und dass dieses Album später nicht nur in Jahreslisten, sondern auch in Jahrzehnt- und All-Time-Kanons aufgetaucht ist, wirkt rückblickend eigentlich nicht wie Hype, sondern nur folgerichtig.
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