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Vom Sylt Video in den Partykeller

Feldforschung in der vermeintlichen Mitte - Über Heuchelei, Harmoniebedürftigkeit und rechte Normalität

In verschiedenen Arbeitszusammenhängen, Freundeskreisen und kulturellen Kontexten begegne ich immer wieder denselben Reflexen: Alltagsrassismus, Homophobie, offene Misogynie und die schleichende Normalisierung extrem rechter Denk und Verhaltensmuster in Gegenden, die sich selbst für anständig halten.

Es geht um die Verharmlosung sexueller Übergriffe. Um WG Abende, an denen unter einem SS Porträt im Flur ungestört Sieg Heil gebrüllt wird. Um Typen, die ihr Erscheinungsbild demonstrativ an Hitler anlehnen und das auch noch online posten. Um Männer, die sich für brutal ehrlich halten, obwohl sie meist nur brutal schlicht sind.

Ich schreibe das nicht aus der bequemen Position des fehlerfreien Beobachters. Die Wahrheit ist: Ich schaue selbst viel zu lange zu. Ich schweige oft, oder wenn ich Kontra gebe, dann meistens nur im Privaten, wenn es sicher ist. Auch ich hätte mich früher, lauter und konsequenter solidarisieren müssen.

Der eigentliche Auslöser für diesen Text ist meine tiefe Abneigung gegen Heuchelei, und zwar ganz besonders gegen jene, die in den eigenen, angeblich so linken oder progressiven Kreisen gepflegt wird.

»Nach außen trägt man Haltung wie ein moralisches Accessoire vor sich her, ist künstlerisch oder politisch aktiv, performt Stabilität auf der Bühne und im richtigen Feed. Aber sobald der Kumpel im privaten Raum nach dem Happy Birthday Sieg Heil ruft oder misogyne und homophobe Scheiße grölt, wird es plötzlich auffällig still.«

Der Taunus ist, wenn man seinen Selbsterzählungen glaubt, nicht einfach eine Mittelgebirgslandschaft vor den Toren Frankfurts, sondern ein moralisches Gütesiegel aus Heilklima, Einfahrt, Hecke und Carport. Eine Gegend, in der die Häuser so aussehen, als hätten sie nie einen schmutzigen Gedanken gesehen, und die Menschen so auftreten, als sei schon das Wohnen dort eine Art Charakterzeugnis. Man kauft hier nicht nur Quadratmeter, sondern gleich die beruhigende Erzählung mit, dass man es geschafft hat, weil der Rasen kurz ist, der Nachbar dieselben drei Automarken kennt und der größte Skandal darin besteht, dass dieser verdammte Cucurella mit der Hand gespielt hat.

Denn diese bürgerliche Gepflegtheit ist weniger Ausdruck von Anstand als eine Tarnvorrichtung. Rassismus kommt hier nicht als Parole, sondern als Küchenpsychologie. Frauenverachtung nicht als Hass, sondern als vermeintlicher Realismus. Geschichtsrelativierung nicht als Überzeugung, sondern als Humor.

In verschiedenen Arbeitsumfeldern begegnet mir immer wieder derselbe Typus, den ich hier Kevin nenne. Kevin ist die personifizierte Hustle Fantasie mit Restalkohol und dem unerschütterlichen Glauben, anderen die Welt erklären zu müssen. Der Typ, der nach einem Video seines Crypto Bro auf YouTube meint, dir jetzt die absoluten Basics in Wirtschaft und Leben beibringen zu müssen, als hätte Adam Smith ihn persönlich aus dem Dispo heraus berufen. Es erinnert ein bisschen an Trump, wenn er ein neues Wort gelernt hat und es jetzt stolz jedem erklärt, in der Annahme, er habe da gerade exklusiven Zugriff auf höhere Wahrheit.

Es geht nicht um Erkenntnis. Es geht um Pose. Um dieses Gefühl, der Klügste im Raum zu sein, solange niemand die zweite Frage stellt. Genau deshalb fühlen sich solche Typen in solchen Milieus so wohl. Niemand gibt Kontra. Niemand unterbricht die Improvisation. Widerspruch gilt als unhöflicher als Ahnungslosigkeit. Wo andere sagen würden, ich weiß es nicht genau, heißt es bei Kevin: Vertrau mir, Bro.

Vor der Tür steht sein zweites Glaubensbekenntnis. Ein auf Kante finanzierter Premiumwagen, weniger Fortbewegungsmittel als Existenzberechtigung. Für das beste Öl im Motor ist Geld da. Beim Essen reicht das Beste von Ja!. Das Ego ist so fragil, dass schon der Kleinwagen der Partnerin als soziale Demütigung empfunden wird. Darin steckt das ganze Prinzip: Status ist kein Zustand, sondern Theater. Bescheidenheit ist keine Tugend, sondern Niederlage. Reflexion ist keine Stärke, sondern Schwäche. Bildung ist keine Bereicherung, sondern eine Provokation, sobald sie nicht von ihm selbst kommt.

Auch im Privaten zeigt sich dieselbe Einseitigkeit. Nach außen ist man fest vergeben, gleichzeitig wird mit einer Mischung aus Stolz und Geltungsdrang damit angegeben, mit wem man in der Firma schon etwas gehabt habe oder noch haben könnte. Das wirkt nicht wie moderne Offenheit, sondern eher wie die Fortsetzung desselben Musters, das man überall sieht: Die eigenen Bedürfnisse gelten als Maßstab, die Perspektive der anderen Seite bleibt auffällig unscharf.

Das Politische an solchen Figuren ist weniger ideologisch geschlossen als emotional organisiert. Donald Trump wird nicht bewundert, weil man sich mit Politik auseinandersetzt, sondern weil er als Projektionsfläche für hemmungslose Rücksichtslosigkeit dient. Pickup Artist Videos laufen parallel, Andrew Tate liefert die Selbstoptimierungssprache für übergriffiges Verhalten. Frauen auf Augenhöhe irritieren Kevin, weil sie die Pose schneller durchschauen. Bestätigung sucht man dort, wo das Welterklärer Gehabe noch funktioniert, bevorzugt bei deutlich Jüngeren, die den Ton noch nicht sofort als das lesen, was er ist.

»Schnell gelte ich in solchen Räumen natürlich als linke Zecke, womit ich erst einmal kein Problem habe. Interessant ist eher, was mit diesem Etikett alles gleich mitgeliefert wird. Ob ich mich schon auf die Straße geklebt habe. Ob ich Freunde habe, die jede Woche ihr Geschlecht wechseln. Ob bei uns alle schwul, depressiv, humorlos und hafermilchtrinkend seien. Das Erstaunliche ist nicht einmal die Dummheit dieser Klischees, sondern ihre Funktion. Wer den anderen vorher zur Karikatur schrumpft, muss sich mit dem, was er sagt, nicht mehr ernsthaft auseinandersetzen.«

Dann gibt es da Jonas. Zum zehnten Mal fragt er mich grinsend, was mein Lieblingslied von Adriano Celentano sei, natürlich nicht aus ehrlichem Interesse, sondern um mal wieder an meiner Herkunft herumzufingern. Ich sage, halb genervt, halb aus Prinzip, dass ich auch mein Lieblingslied von Hannes Wader nennen kann. Nicht aus plötzlich aufwallender Hannes Wader Begeisterung, sondern weil ich genau weiß, was dann passiert. Als linke Zecke bin ich dort längst abgeheftet. Hannes Wader ist in diesem Moment kein Bekenntnis, sondern natürlich ein Nadelstich. Die Antwort kommt zuverlässig: „Ist das nicht linksextrem?“ Genau da liegt der Punkt. Jonas hört selbst Störkraft, Landser und Frei.Wild, aber da verläuft für ihn offenbar keine ideologische Grenze. In diesen Räumen kann rechte Musik laufen, ohne dass jemand nervös wird. Rechte Pose gilt als Provokation, Folklore oder einfach als Geschmackssache.

Auch die moralische Logik ist dort auffällig asymmetrisch. Bei Ausländern reicht oft schon die Herkunft eines Einzelnen, um gleich die ganze Gruppe in Sippenhaft zu nehmen. Dann wird aus einem Vorfall sofort ein Satz über Kultur, Mentalität und angebliche Integrationsunfähigkeit. Wenn aber ein deutscher Mann beschuldigt wird, entdeckt dasselbe Milieu plötzlich seine Liebe zum Rechtsstaat. Dann heißt es sofort Unschuldsvermutung, abwarten, man kenne ja beide Seiten nicht. Und natürlich gilt sie. Genau diese Doppelmoral zeigt, dass es nie nur um Prinzipien geht. Es geht darum, wem man Individualität zugesteht und wem nicht.

Dann beginnt natürlich das übliche Gerede darüber, die Linken und Woken würden sich immer viel zu sehr aufregen. Da werde wieder etwas künstlich aufgebaut. Man könne sich auch über alles empören. Das Interessante ist nur: Dieselben Leute sind überhaupt nicht gelassen. Ihre Empfindlichkeit ist nur anders organisiert. Ein rassistischer Vorfall kann ihnen komplett egal sein. Eine sexistische Entgleisung wird weggelacht.

»Man könne sich ja auch über alles aufregen, heißt es dort ständig, sobald etwas Rassistisches oder Sexistisches benannt wird. Aber das gilt natürlich nur so lange, bis der Benzinpreis steigt, AMG am heiligen Achtzylinder spart oder Cucurella mit der Hand am Ball ist. Dann entdeckt dieses Milieu plötzlich doch seine Fähigkeit zur Empörung, und zwar mit einer Leidenschaft, die für reale Erniedrigungen anderer Menschen erstaunlich zuverlässig nie verfügbar war.«

Genau das ist das Entlarvende: Diese Leute sind nicht weniger empfindlich als alle anderen. Sie halten nur ihre eigene Empfindlichkeit für legitim und die der anderen für hysterisch.

In verschiedenen Arbeitsumfeldern erlebe ich Gespräche, in denen Grenzüberschreitungen gegenüber sehr jungen Kolleginnen nicht als Problem des Mannes, sondern als Problem ihrer Kleidung verhandelt werden. Gerade diese Gespräche sind aufschlussreich, weil sie zeigen, wie tief die Entlastungslogik reicht.

In einem Meeting wird über einen Vorfall gesprochen, bei dem es nach meinem Erleben um eine grenzüberschreitende körperliche Annäherung eines deutlich älteren Mannes gegenüber einer sehr jungen Kollegin geht. Was mich daran besonders irritiert, ist nicht nur der Vorfall selbst, sondern wie darüber gesprochen wird. Die eigentliche Verurteilung gilt im Raum nicht dem Verhalten des Mannes, sondern dem Kleidungsstil der jungen Frau. Der Mann habe ja kaum anders gekonnt. Sie habe sich eben aufreizend gekleidet. Man müsse doch auch sehen, wie Männer funktionierten. Als ich dagegenhalte und frage, wie man ernsthaft eine sehr junge Frau dafür verantwortlich machen könne, dass ein erwachsener Mann sich nicht im Griff hat, kommt sofort der Klassiker: „Würdest du deine Tochter so rumlaufen lassen?“

»Nicht die Grenzüberschreitung ist das eigentliche Problem, sondern der Widerspruch dagegen. Die eigentliche Frage lautet nie, warum ein erwachsener Mann übergriffig wird, sondern wie man Mädchen so reguliert, dass Männer sich nicht provoziert fühlen müssen.«

Wenn ich so etwas intern anspreche, wird es später oft in die Zone des Missverständnisses oder der Folklore verschoben. Mal ist es eine komische Dörflichkeit, mal ein Missverständnis. Die Struktur ist immer dieselbe.

Es gibt Milieus, in denen man nicht viel braucht, um Verachtung alltagstauglich zu machen. Keine großen Reden, keine offenen Parolen. Oft reicht ein Lachen. Dieses saubere, kleine Geräusch, das so klingt, als gehe es um nichts, und in Wahrheit darüber entscheidet, was in einem Raum als normal gilt und was nicht.

Für diese Rolle gibt es Sarah. Freundlich, wach, sozial nicht unbegabt. Genau darin liegt ihr Wert für das Milieu. Sie ist nicht die Lauteste. Nicht diejenige, die die krassesten Sätze bringt. Sie ist eher das, was man ein Pick me Girl nennen würde: die Form weiblicher Anpassung, die sich Zustimmung bei den falschen Männern darüber besorgt, dass sie andere Frauen abwertet und deren Sprache mitträgt.

Diese Anpassung kommt nicht aus dem Nichts. Sie ist das Produkt eines Milieus, in dem der soziale Druck früh lehrt, wie Weiblichkeit auszusehen hat, mit wem man gesehen werden will und von wem man Anerkennung bekommt. Man verbringt die Wochenenden auf den Parkplätzen irgendwelcher Dörfer zwischen tiefergelegten Polos, lärmt sich durch dieselben Routinen und postet am Ende das nächste originelle Bild eines Autorücklichts mit Hashtags wie #notlikeyourgirlfriend, als wäre Konformität auf einmal Individualismus, nur weil sie von einer Frau inszeniert wird, die sich demonstrativ von anderen Frauen absetzt.

Eine Szene bleibt hängen, gerade weil sie so klein ist. Büro, Vormittag, nebenbei private Online Verkäufe während der Arbeitszeit. Eine Nachricht eines Interessenten kommt rein. Ein ausländisch klingender Name reicht. Sarah liest die Nachricht laut vor, nicht neutral, nicht beiläufig, sondern mit nachgemachtem Akzent, abfällig, kalkuliert, auf Lacher hin gebaut.

Eine andere Szene bleibt ebenso hängen, weil sie die lächelnde Variante desselben Problems zeigt. Sarah sagt irgendwann zu mir: „Ich hab nichts gegen Ausländer, ich feier die.“ Sie meint das nicht einmal als Angriff, sondern fast als Kompliment. Ich sage nur: Cool, dass du nichts gegen Ausländer hast, aber was hat das mit mir zu tun? Ich bin doch gar keiner. Die Ironie ist, dass sie sich gleichzeitig über angeblich nicht integrierte Ausländer beschwert. Und als der vermeintliche Ausländer ihr dann sagt, dass er sich als Deutscher sieht, passt ihr auch das nicht. Genau daran merkt man, dass es nie um Integration geht. Es geht darum, andere in einer Rolle festzuhalten, die das eigene Weltbild stabilisiert. Man darf dazugehören, aber nicht zu sehr. Man darf gemocht werden, aber nicht auf Augenhöhe.

Das Widerliche an solchen Momenten ist nicht nur die Imitation oder der Satz selbst. Es ist das Echo im Raum. In diesem Lachen und Nicken liegt die eigentliche Entscheidung: Hier ist noch alles im Rahmen. Man kann das sagen.

Und genau deshalb sind solche Figuren so wichtig. Die Lauten allein reichen nie. Es braucht immer auch Menschen, die die Härte alltagstauglich machen, die dafür sorgen, dass das Gesagte nicht wie Verachtung aussieht, sondern wie Stimmung.

Und dieser Raum ist nicht nur männlich. Das ist der bequeme Mythos, an den viele glauben wollen, weil er Verantwortung übersichtlich verteilt. Aber Milieus wie dieses funktionieren gerade deshalb, weil sie ihre Mechanismen breiter streuen. Weil auch Frauen lernen, dass man in solchen Konstellationen besser nicht die Falsche ist. Besser nicht die, die widerspricht. Besser die, die mit den Männern lacht und daraus eine Form von Status zieht.

Wer nicht mitlacht, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Man ist die Spaßbremse. Der Moralist. Die Überempfindliche. So dreht sich die Schuld: Nicht die Herabsetzung gilt als peinlich, sondern der Einwand gegen sie.

Das ist die eigentliche Macht solcher Milieus. Sie zwingen dich selten direkt. Sie arbeiten über soziale Temperatur. Über das diffuse Gefühl, dass jetzt nicht der richtige Moment sei, etwas zu sagen. Dass man nicht übertreiben wolle. Dass es ja vielleicht nur ein Witz gewesen sei. Es sind nicht die großen Grenzüberschreitungen, die Menschen zum Schweigen bringen. Oft genügt die Aussicht, als unangenehm zu gelten.

Sarah ist Teil des sozialen Schmiermittels, ohne das solche Milieus längst nicht so stabil wären. Die Lauten allein reichen nie. Es braucht immer auch Menschen, die die Härte alltagstauglich machen, die dafür sorgen, dass das Gesagte nicht wie Verachtung aussieht, sondern wie Stimmung. Wie etwas, bei dem man sich bitte nicht so anstellen soll.

Am Nachmittag fällt das Wort Party. Keller, Bar, Geburtstag, alles ganz harmlos, wie es heißt.

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Besondere Aufmerksamkeit verdienen die privaten Abendgesellschaften. Nicht weil dort plötzlich etwas völlig anderes passiert, sondern weil sich dort die Logik des Milieus in Reinform zeigt. Ein Abend beginnt harmlos. Bier, Musik, Geburtstagsritual. Im Flur hängt das Bild eines Großvaters in SS Uniform. Solche Räume funktionieren, weil sie Privatheit simulieren und mit ihr das Gefühl, dass die normalen Regeln kurz außer Kraft gesetzt seien. Nicht ganz ernst nehmen, nur ein bisschen drüber, nur unter uns, nur Spaß.

Der Abend kippt nicht mit einem großen Knall. Er kippt banal. Erst wird, warum auch immer, sogar noch die erste Strophe des Deutschlandlieds angestimmt. Dann wird Happy Birthday gesungen. Handys gehen raus, auch meins. Alle filmen, als sei das hier bloß der übliche peinliche Geburtstagsmoment. Und genau nach dem „to you“ kippt es. Die Gruppe schreit plötzlich fast unisono Sieg Heil. Nicht ironisch, sondern als kalkulierter Tabubruch.

Niemand stoppt. Niemand sagt: Seid ihr komplett bescheuert? Stattdessen greift sofort die gemeinsame Ausrede, auf der solche Milieus seit Jahrzehnten reiten: War doch nur Spaß.

In solchen Runden begegnen einem dann immer wieder dieselben Rollen. Der eine destilliert aus Ideologie Humor, lässt sich Bart und Frisur stehen, die verdächtig nach Hitler aussehen, und versteht nicht, warum das draußen nicht überall als Satire gelesen wird. Der nächste braucht die Verkleidung gar nicht erst und fantasiert ganz offen davon, er würde als Polizist einfach jedem Ölauge die Fresse polieren. Der dritte nennt Sadismus Humor, Holocaustrelativierung Pointe und benutzt Menschen mit Behinderung als Alibi für seinen Ableismus. Über Kasia Lenhardts Suizid sagt er, sie habe halt keine Resilienz gehabt. Nach dem Anschlag in Halle kommentiert er den Livestream des Attentäters hämisch auf Bildqualität und Schusstechnik. Es ist diese Mischung aus Zynismus, Sadismus und moralischer Leere, die in solchen Milieus als abgeklärter Humor gilt.

Irgendwann kommen dann die Gespräche, in denen Sexarbeiterinnen auf Firmenfeiern als nostalgisches Inventar einer angeblich besseren Zeit auftauchen. Früher sei alles lockerer gewesen. Früher habe man so etwas noch machen können. Heute gehe das wegen der ganzen Woken leider nicht mehr. Solche Sätze klingen wie Albernheit. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Widerspruch seltener war. Nach Räumen, in denen Grenzen nicht benannt wurden. Es ist weniger Hedonismus als Machtsehnsucht, der Wunsch nach einem Raum, in dem das Nein der anderen nicht als Grenze erscheint, sondern als störender Kulturwandel.

Das Ganze endet nicht bei den offensichtlichen Dorfalphas. Je weiter man sich in diese Milieus hineinbewegt, desto deutlicher wird, dass dieselbe Verrohung auch dort wieder auftaucht, wo man sie angeblich am wenigsten erwarten würde.

»Besonders aufschlussreich wird es dort, wo Menschen nach außen Haltung performen, politisch oder künstlerisch progressiv erscheinen und im öffentlichen Raum auffällig laut gegen Rechts auftreten, im privaten Kreis jedoch eine erstaunliche Lautlosigkeit entwickeln. Genau hier liegt für mich der springende Punkt: im Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Raum. Nach außen reißt man die Fresse auf, wenn man auf der Bühne steht, gibt sich stabil, klar und unangepasst. Im eigenen Freundeskreis dagegen wird man auf einmal auffällig leise, sobald der eigene Kumpel nach rechter Klientel riecht. Dann ist von Haltung nicht mehr viel übrig. Dann siegt die Harmoniebedürftigkeit über jedes politische Selbstbild.«

Lange habe ich mir eingeredet, dass sie sich innerlich längst davon gelöst haben. Irgendwann trägt diese Ausrede jedoch nicht mehr, weil die Verbindungen sichtbar bestehen bleiben. Da beginnt für mich die eigentliche Heuchelei. Sie liegt nicht in der Herkunft oder in alten Jugendfreundschaften, sondern in dem Widerspruch: Man inszeniert sich längst anders, möchte politisch anders gelesen werden und toleriert trotzdem ein Umfeld, in dem nach dem „Happy Birthday“ „Sieg Heil“ gerufen wird.

Für mich ist es nur schwer vorstellbar, dass ein solches Verhalten in langjährigen Freundschaften völlig unbemerkt geblieben sein soll. Wenn sich diese Abgründe für mich schon nach wenigen Treffen offenbaren, können sie in Beziehungen, die seit der Kindheit bestehen, kaum vollständig verborgen geblieben sein.

Über genau diesen Personenkreis lernte ich einen Produzenten kennen. Auch bei ihm zeigten sich dieselbe Verrohung, dieselbe Empathielosigkeit und dieselbe Lust an der Herabsetzung. Als es um die Depression eines Freundes ging, hieß es nur, dieser solle sich verpissen und mit seinen Depressionen in sein Berliner Zimmer verziehen, er sei eine „Pussy“. Dennoch kooperieren genau diese Personen bis heute mit ihm.

Ich unterstelle damit niemandem automatisch dieselbe extremistische Überzeugung. Ich beschreibe jedoch eine eklatante Diskrepanz zwischen öffentlicher Haltung und privater Duldung. Solche Widersprüche habe ich wiederholt angesprochen, Fragen gestellt und um Einordnung gebeten. Meistens blieb es bei Ausweichen oder Schweigen. Auch das gehört zum Muster: erst das unkommentierte Hinnehmen im Raum, dann das Ausweichen danach.

Vieles von dem, was im Sylt Video bundesweite Empörung auslöst, erlebe ich nicht als Ausnahme, sondern als Standard. Doch wer glaubt, das sei ein exklusives Problem von angetrunkenen Erwachsenen in abgelegenen Partykellern, lügt sich in die Tasche. Die Saat geht längst tiefer auf. Aus der stillen Duldung der Erwachsenen wird eine laute, selbstbewusste Popkultur der Jugend. Gymnasiasten, die sich im Klassenzimmer den Hitlergruß zeigen, Abiturienten, die Mottos wie NSDABI oder Abi macht frei wählen, und Morddrohungen gegen Lehrkräfte, die sich dagegenstellen. Das ist keine Einbildung, sondern Realität.

Jüngst kursiert ein Video aus einer Kinderdisco in Brandenburg. Elfjährige grölen zu Gigi D’Agostinos L’Amour toujours aus voller Kehle „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Doch der eigentliche Abgrund öffnet sich nicht auf der bunten Tanzfläche, sondern darunter, in der Kommentarspalte auf Instagram. Dort, wo bürgerliche Profile mit Deutschlandfahnen und blauen Herzen im Namen in Jubel ausbrechen. „Ich sehe doch noch einen Funken Hoffnung in unserer Jugend“, schreibt einer und kassiert hunderte Likes. „So muss das“, tippt eine andere, garniert mit Herzchen Emojis. Ein Dritter freut sich über endlich gute Nachrichten.

Das ist die Architektur des Wegsehens im Endstadium: die offene Feier der Entgrenzung. Die große Empörung beginnt oft erst dann, wenn etwas gefilmt wird, viral geht oder den geschlossenen Raum verlässt. Was ich hier berichte, ist auf unzähligen Smartphones dokumentiert, auch auf meinem. Daran sieht man vor allem eins: wie unfassbar sicher sich diese Leute fühlen.

Auch nach meinem Wegzug hört diese auffällige Beschäftigung mit mir nicht auf. Ich bin irgendwann mit einer Freundin auf Teneriffa, poste irgendeinen belanglosen Quatsch, und plötzlich meldet sich aus dem Nichts Sebastian. Ein Typ, mit dem ich davor praktisch nie ein Wort gewechselt habe. Er ruft mich an und will wissen, was ich jetzt mache, was ich verdiene, was das eigentlich für ein Auto auf meinem Post sei, wie viel PS es habe und wie schnell es fahre. Schon in dieser Gesprächsführung steckt das ganze Milieu in Kurzform. Es geht immer um die gleichen Marker: Job, Geld, Auto, Status.

Später stellt sich heraus, dass Sebastian frei erfundene Behauptungen über mich streut, etwa ich sei gar nicht auf Teneriffa, sondern in Wahrheit lügend und knapp bei Kasse in Berlin. Darin zeigt sich die Mechanik dieses Umfelds: Die Abwertung Abwesender dient der eigenen Erhöhung. Dass ernsthaft geglaubt wird, ich würde mein Leben als Kulisse für sie inszenieren, zeigt die Hybris dieses Milieus ziemlich deutlich. Wer geht, wird nicht einfach in Ruhe gelassen, sondern dient weiter als Projektionsfigur, an der sich das eigene Überlegenheitsgefühl aufrichten kann.

Ausgerechnet in diesem Umfeld wird plötzlich Sensibilität und Awareness für Depressionen reklamiert. Gerade dadurch wird der Widerspruch noch deutlicher. Denn im privaten Raum sitzt Sebastian daneben, wenn einer der engsten Freunde die Depression anderer Menschen zur Pointe macht, sie als Schwäche abtut und Betroffene höhnisch in ihr Zimmer zurückwünscht, und greift nicht ein. Genau darin liegt die eigentliche Heuchelei: nach außen die richtige Haltung performen, während man im eigenen Umfeld dieselbe Verrohung still mitlaufen lässt.

Schlusswort

Es ist leicht, gegen die Rechten im Bundestag zu wettern. Schwerer ist es, im eigenen Umfeld die Grenze zu ziehen, wenn der Hitlergruß zum Partygag verkommt oder sexuelle Übergriffe verharmlost werden.

Die unangenehmste Frage dieses Textes richtet sich nicht an Kevin, nicht an Sarah, nicht an irgendeinen Partykellerhelden. Sie richtet sich an mich.

»Warum bleibt man in solchen Räumen länger,
als man es vor sich selbst rechtfertigen kann?«

Ich weiß, wie diese Frage beantwortet werden sollte. Ich weiß, wie sie in einem Essay klingt, der sauber auf eine Moral hinausläuft. Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, immer sofort gegangen zu sein. Ich kann nicht behaupten, dass mir jedes Mal der richtige Satz eingefallen wäre oder dass ich nicht auch Situationen ausgesessen habe, an denen ich hätte aufstehen müssen. Die Ehrlichkeit, die ich von den Stillen in diesem Text verlange, muss auch für mich gelten.

Der Moment, in dem man das erkennt, ist der Moment, in dem Schweigen keine Neutralität mehr ist. Haltung beweist sich nicht dort, wo sie sozial billig ist, sondern dort, wo sie Anschluss, Ruhe und Zugehörigkeit kostet.

Milieubericht: Dieser Text basiert auf persönlichen Beobachtungen aus beruflichen und privaten Kontexten. Aus literarischen Gründen und zur besseren Lesbarkeit wurden verschiedene reale Verhaltensmuster zu prototypischen Figuren verdichtet. Die beschriebenen Charaktere stellen keine identifizierbaren Einzelpersonen dar.

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